Das Böhmische Dorf, in dem noch heute Nachfahren der im Jahre 1737 aufgenommenen Glaubensflüchtlinge leben, bildet mit Deutsch-Rixdorf zusammen den historischen Kern von Berlin-Neukölln. Diese Gegend, Nord-Neukölln mit seinen gut 80.000 Migranten, birgt die einmalige Chance, historisch fundiert an Ort und Stelle über Diversität, Toleranz und Integration nachzudenken. Was ist das Potenzial kleiner ethnischer oder religiöser Gemeinschaften im Kontext einer Mehrheitsgesellschaft? Und wie gestaltet sich das Wechselspiel der Bewahrung nach Innen und der Öffnung nach Außen?
Als Friedrich Wilhelm I. vor 275 Jahren den Exulanten aus Böhmen in Berlin Zuflucht gewährte, praktizierte er Toleranz gegenüber dem damals äußerst Fremden: einer Religionsgemeinschaft, die trotz des Westfälischen Friedens 1648 politisch unzulässig war. Und das Böhmische Dorf seinerseits grenzte sich nicht nur durch die Pflege der tschechischen Sprache von Deutsch-Rixdorf ab, sondern bildete auch rechtlich eine parallele Gesellschaft mit eigenen Institutionen wie Schulzenamt oder Schule. Gleichzeitig jedoch engagierten sich viele Böhmen beispielsweise als Manufakturisten oder Gastwirte in Berlin und trugen so zur Modernisierung der Stadt bei. Auch heute sind ethnische Minderheiten nach Innen und Außen komplex vernetzt, was für die urbane Entwicklung einer Metropole wie Berlin, in der Menschen aus allen Nationen der Welt leben, von großer Bedeutung ist.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Produktivität kultureller Vielfalt ist die Wahrung des Menschenrechts der Glaubens- und Gewissensfreiheit, ein Grundrecht, das historische Wurzeln in Böhmen hat. So lehnte Johann Amos Comenius (1592-1670), letzter Bischof der Böhmischen Brüder, Gewalt zur Durchsetzung von politischen oder religiösen Interessen ab. Er beschäftigte sich sogar mit den rechtlichen Voraussetzungen der Gewissensfreiheit, womit er Einfluss auf das Agreement of the People (1647) nahm, den ersten demokratischen Verfassungsentwurf der Neuzeit.
Zahlreiche Akteure sind der Einladung des Förderkreises Böhmisches Dorf gefolgt und haben für das Jubiläumsjahr 2012 ein Kulturprogramm zum Thema Glaubensfreiheit erarbeitet, das Ausstellungen, Konzertaktionen, Stadtteilspaziergänge, Gesprächsveranstaltungen sowie Werkstätten mit Kindern umfasst. Bei all diesen unterschiedlichen Formen der Begegnung können gemeinschaftliche Visionen für ein tolerantes und produktives Miteinander in dem multiethnischen und multireligiösen Quartier Berlin-Neukölln entstehen. Herausforderungen und Chancen der Interkulturalität werden sichtbar: das wechselseitige Analysieren von Differenzen, das Begreifen ihrer Verankerungen in unterschiedlichen Werte- und Kultursystemen sowie die wachsende Bereitschaft zur Entwicklung und zum Austausch des Neuen.